#Tattoosnob

Vor einigen Tagen stolperte ich über einen Videoblog, der sich neben vielen anderen trendigen Themen auch mit Tattoos beschäftigte. Ein mit Bedacht zurechtgemachtes Mädchen Anfang zwanzig mit vielen Tattoos, einem glitzernden Piercing und perfektem Lidstrich erklärte dem geneigten Zuschauer, welche Verhaltensweisen bei Tattoo Artists auf gar keinen Fall toleriert werden sollten. Immerhin ist man Kunde, man hat das Sagen, weil man schließlich dem Tätowierer sein sauer verdientes Geld überlässt.
Man habe ein Anrecht darauf, sich in jeder Sekunde warm, geborgen und perfekt umsorgt zu fühlen wie ein Fötus im Mutterleib. Und um Himmels Willen solle man sofort den Mund aufmachen, wenn irgendetwas nicht ganz perfekt liefe. Aber vorsichtig, denn jeder wüsste ja, dass Tätowierer einem gern mal das Motiv mit Absicht versauen wenn man nicht nach ihrer Pfeife tanz.

#WTF

Ich stelle gar nicht in Abrede, dass einige meiner Kollegen oder Kolleginnen Arschlöcher sind. Dass sie eventuell keine ganz optimale Erziehung genossen haben, ein wenig autistisch wirken oder komplizierte Charakterzüge aufweisen. Aber…mit Absicht ein Tattoo versauen? Aus Galligkeit? Ernsthaft?!

Die Zuschauer teilten natürlich weitreichend ebenfalls ihre Meinungen und Erlebnisse mit. Eine Dame äußerte sich, sie könne das gar nicht nachvollziehen. Seit mehr als fünf Jahren würde sie im Einzelhandel arbeiten und wenn sie es schafft, mit ihren furchtbar anstrengenden Kunden richtig umzugehen, dann müsste das doch ein Tätowierer auch können.

Ich bin mir nicht sicher, ob ihr bewusst ist dass sie abends einfach ihr Namensschildchen abnimmt, nach Hause geht und sich bis zum nächsten Schichtbeginn ihrem Privatleben widmet. Ob sie mal drüber nachgedacht hat, wie sie eine Kundenbeschwerde aufnehmen würde wenn sie die Strickjacken und Loopschals im Regal in mühsamer Arbeit handgeklöppelt hätte. Wenn sie der Großteil der Menschen die sie in ihrer Freizeit zufällig trifft auf genau diese Kleidungsstücke ansprechen würde – welche sie besitzen und warum die etwas besonderes sind, wie gern sie mehr davon hätten, aber dass diese Kleidungsstücke ja nun mal sehr teuer wären und ob sie da nicht vielleicht etwas machen könnte.

Eventuell würde der Dame dann bewusst, dass ihr Vergleich ein klein wenig hinkt.

Check yo self before you wreck yo self

Wie gesagt – nicht jeder Tätowierer ist ein Engel und es gibt durchaus solche, die es ausnutzen dass ihre Kunden ihnen bis zu einem gewissen Grad ausgeliefert sind und das ist absolut nicht okay. Doch manchmal wünsche ich mir, dass bestimmte Arten von Kunden sich in ihrem Berufsalltag einmal selbst begegnen. Es könnte helfen, das eigene Verhalten zu reflektieren und Missverständnisse zu vermeiden.

Wie ich auf einen Menschen zugehe, wie ich mit ihm umgehe wenn er etwas von mir möchte (in dem Fall ein Tattoo), dafür gibt es keinen allgemeingültigen Leitfaden. Sicherlich spielen wie so oft sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle dabei, ob man sich sympathisch ist oder nicht. Es ist jedoch auch so, dass man als Kunde nicht nur einfordern sondern auch mitmachen muss. Ich sage immer wieder gern, dass ein gutes Tattoo stets Teamwork ist. Es erfordert einen Tätowierer, der sein Handwerk versteht und einen Kunden, der weiß was er möchte und bereit ist, die Anweisungen zu befolgen die ihm der Profi an die Hand gibt. Hierdurch entsteht ein Gleichgewicht, was einem genau das nötige Maß an Vertrauen und gutem Gefühl vermittelt. So arbeite ich gerne.

#convenience

Tattoos sind heute aber nicht mehr etwas, nach dem man zwangsläufig lange suchen, die richtigen Leute kennen oder weite Wegstrecken auf sich nehmen muss. Jedes Dörfchen hat mindestens ein Tattoostudio, wenn nicht gleich seine eigene Tattoo Convention. Die Medien ballern uns mit Formaten über von und mit Tätowierern und Tätowierten nur so zu. Hey… „Tattoomodel“ ist bei manch einem sogar schon eine Jobbezeichnung!
Das ist wohl gemeint, wenn jemand sagt Tattoos seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Nochmal kurz zurück zur Strickjacke: Die bekommst du auch an jeder Ecke. Sicherlich gibt es Unterschiede was den Preis, die Qualität und die Verfügbarkeit angeht, aber es ist nichts wonach du lange suchen musst bevor sich dir eine gewisse Auswahl anbietet.
Deshalb wird man als Konsument bequemer. Kann gut sein, dass die Jacke für zehn Euro vom Laden um die Ecke nur ein paar Monate hält, aber dann kauft man eben eine neue. Wahrscheinlich ist der Schnitt nächste Saison sowieso nicht mehr angesagt.

#deineMudda

Bitte bitte, mach das nicht wenn es um Tattoos geht! So schnell wie möglich und so günstig wie möglich ist absolut kein Kriterium was man hierbei anwenden sollte. Es gibt aber immer mehr Kunden, die genau das erwarten.
Also Tätowierer sollst du hip und lässig sein (#spiritualgangster), tolle Kunst am laufenden Band produzieren (#tattoolife), am besten bist du ungemein gefragt (#lifegoals), hast aber trotzdem innerhalb von 10 Tagen einen Termin frei (#cancellation). Nebenbei machst du irgendein verrücktes Hobby von dem du deinen Kunden bitte während der Sitzung erzählst (#entertainment) und selbstverständlich machst du immer einen „guten Preis“ (#upforgrabs).
Wir alle sind mittendrin in dieser dicken Social Media Blase und voll dabei. Zum Teil weil wir entdeckt haben, dass dies offenbar der zeitgemäße Weg ist unsere Dienstleistungen anzubieten.
Ja, Marketing, Baby.
Doof nur dass die Grenzen zwischen Schnaps und Job immer weiter verschwimmen.
Oder um es verständlicher auszudrücken: Deine Mutter addet deinen Tätowierer auf Facebook.

#goldeneMitte

Ich versuche einen Mittelweg zu wählen. Natürlich muss auch ich von meiner Arbeit leben, Steuern zahlen, mich krankenversichern und dergleichen mehr. Am Puls der Zeit zu bleiben ist also wichtig. Für mich braucht ein gutes Tattoo aber ebenso Zeit und Ruhe. Es geht nicht mal eben zwischen Tür und Angel weil man bis 17 Uhr arbeiten muss und um 19.30 Uhr der Babysitter Feierabend macht. Was es braucht, ist ein gewisses Maß an Vertrauen und Respekt auf beiden Seiten.
Ich respektiere die Bereitschaft meiner Kunden, Schmerz und Unannehmlichkeiten auf sich zu nehmen um an ihr Ziel zu gelangen. Im Gegenzug erwarte ich, dass meine Arbeit und Fachkenntnis respektiert wird. Und damit meine ich nicht nur eine angemessene Bezahlung, sondern auch kooperatives Verhalten.

Wer dazu nicht bereit ist, der darf gerne gehen. Im Zweifelsfall zeige ich ihm auch die Tür. Das hat für mich nichts mit Arroganz oder Unfreundlichkeit zu tun, das ist ein Zeichen von Selbstachtung.

Denn am Ende des Tages trägt meine Kundschaft meine Arbeit spazieren und keine Strickjacke für zehn Euro.