Tastaturhelden und Händchenhalter

„Freunde“ im Studio

Viele verstehen nicht, warum wir im Studio keine Händchenhalter mögen. Kurz zur Erklärung: das sind die so genannten “Freunde”, die unbedingt mitkommen wollen wenn ihr tätowiert werdet.
Unter dem Deckmantel der Freundschaft liegt dem Großteil von ihnen meiner und der Erfahrung vieler Kollegen nach aber nur eins am Herzen.
Sie wollen euch leiden sehen. Um sich stark zu fühlen, um was zu erzählen zu haben, aus Sensationslust.
Ja, das ist böse…und zutiefst menschlich.
Geht es nämlich nicht nach ihrem gusto, weint ihr nicht, jammert nicht oder bettelt um Gnade, dann verlieren sie das Interesse. Dann gehen sie shoppen anstatt euch zur Seite zu stehen, quengeln herum, langweilen sich und strapazieren die Nerven des Tätowierers.
Wir für unseren Teil machen unseren Job. Müssen uns konzentrieren, voll bei der Sache sein und dürfen uns keine Unachtsamkeit erlauben. Egal bei welchem Kunden, egal bei welchem Motiv.

Ein Dienstleister, der für Geld alles tut

Der klassische Händchenhalter sieht das nicht. Für ihn ist der Tattoo Artist ein Entertainer, der Herr bzw die Herrin der Schmerzen oder schlichtweg ein “Dienstleister, der für Geld alles tut”.
Deshalb erlebe ich es oft, dass ihr bei eurem “guten Freund” schnell in Vergessenheit geratet und die Händchenhalter stattdessen ihre Aufmerksamkeit auf mich richten, Fragen stellen und ihr Bestes tun, mir ein konzentriertes Arbeiten unmöglich zu machen.
In manchen Studios gestatten es versicherungstechnische oder hygienische Vorschriften nicht, dass sich jemand außer dem Tätowierer und euch – dem Kunden – im Arbeitsbereich aufhält. Was ich für viel entscheidender im Bezug auf das Ergebnis der Tattoositzung halte: wenn niemand hereinkaspert, kann ich euch und eurem Motiv meine volle Aufmerksamkeit schenken. Meine Konzentration wird nicht wieder und wieder auf die Probe gestellt, weil ich sie nicht zwischen zwei Personen aufteilen muss.
Und vor allem: keiner quatscht mir rein.
Denn der schlimmste Typ des Händchenhalters ist der, der mir meinen Job erklärt. Die Fragen, die er stellt beziehen sich allesamt auf Techniken und Vorgehensweisen, die der Händchenhalter maximal aus dem Privatfernsehen oder so genannten “Tattoozeitschriften” kennt. Aber er kennt sich aus! Schließlich hat er vielleicht sogar auch schon ein oder zwei Tattoos und ist somit ein alter Hase im Business.

Eindruck schinden

Um meine Gunst zu gewinnen, gibt der Händchenhalter vor euch mit seinem lückenhaften Halbwissen an. Ich warte geduldig, bevor ich ihn korrigiere und somit im besten Fall zum Schweigen bringe.
Die Faustregel besagt, dass die Anstrengung beim tätowieren für mich proportional zur Anzahl atmender (und redender!) Personen im Arbeitsbereich ansteigt.
Darum mögen wir keine Händchenhalter.
Stets willkommen dagegen sind Personen, die euch tatsächlich unterstützen. Die, die euch mit Limo, Traubenzucker oder einer Hand zum zudrücken versorgen. Die, die sagen “ich weiß das ist jetzt kacke, aber gleich hast du es geschafft.”
Halt die, die nicht blöd rumquatschen.

Wütende Prinzessinnen

Die zweite Gruppe, die Tastaturhelden, kennt jeder. Menschen ohne Arsch in der Hose, die nie gelernt haben dass es sich bei ihrer Person nicht um den Nabel der Welt handelt. Ihnen eigen ist, dass sie lieber Gift und Galle aus der sicheren Position hinter ihrem PC/Smartphone versprühen, als in der entsprechenden Situation den Mund auf zu machen. Manchmal überschneiden sich diese beiden Gruppierungen auch, was besonders anstrengend ist.
Weist man so jemanden freundlich darauf hin, dass seine verbalen Emissionen die eigene Konzentration stören, fühlt sich der Tastaturheld nicht nur sofort in seiner Ehre gekränkt, sondern auch dazu berufen literarische Ergüsse in Form schlechter Bewertungen virtuell zu verbreiten. Bei manchen reicht es allerdings schon, wenn man in der Sekunde wo sie sich (unangekündigt und ohne Termin versteht sich) vor einem materialisieren keine Zeit hat. Da zerplatzt die mühsam von Mami und Papi aufgebaute Seifenblase und die Prinzessin wird bockig. Wutschnaubend entfleucht sie, zurück in die Sicherheit der sozialen Netzwerke, wo sie sich lang und breit über den schlechten Service auslässt.
Zur Weißglut treibt man solche Leute, in dem man ihren Schmähungen die dem sozialen Netzwerk entsprechende positive Bestätigung (“gefällt mir”, “+1” etc.) angedeihen lässt.

Oh, Drama.

Glücklicherweise sind nicht alle Menschen so. Auch nicht der Großteil. Nein, es ist ein verschwindend geringer Bodensatz an Personen mit schlechter Kinderstube. Aber sie reichen vollkommen aus dafür, dass wir sie nicht in unseren Studios wollen.
Denn diese Wenigen können eins ganz besonders gut:
Drama.